„Guddi Gutenberg“: Wo ist Bruder Martin?

Sind sich im wahren Leben nie begegnet, jetzt aber beim Pressefest in Mainz: Johannes Gutenberg (Hans-Peter Betz), Martin Luther (Norbert Hospes) und Katharina von Bora (Susanne Ehrhardt).   Foto: Bernd Eßling.
Sind sich im wahren Leben nie begegnet, jetzt aber beim Pressefest in Mainz: Johannes Gutenberg (Hans-Peter Betz), Martin Luther (Norbert Hospes) und Katharina von Bora (Susanne Ehrhardt). Foto: Bernd Eßling.

Es war 19.30 Uhr, als das „historische Schauspiel“ seinen Lauf nahm - im Bischof-Ketteler-Saal des geschichtsträchtigen Erbacher Hofes zu Mainz...

 

Plötzlich ging ein Raunen durch die Menge. Die Überraschung stand vielen der Gäste ins Gesicht geschrieben. Johannes Gensfleich, genannt Gutenberg, schritt seines Weges. Wenig später tauchten Martin Luther und seine Gattin Katharina von Bora auf. Was im irdischen Leben nicht möglich war (wegen unterschiedlicher Lebensdaten), an diesem Abend des 18. August 2017 kreuzten sich endlich ihre Wege. Und dann noch in Mainz, wo Luther nie gewesen war, wo aber seine 95 Thesen im 15. Jahrhundert durchaus Zustimmung fanden.

 

„Wo ist er, dieser Gigant des protestantischen Glaubens? Wo finde ich ihn, den Schöpfer der deutschen Sprache? Wo ist Bruder Martin?“ So fragte Gutenberg – und schaute sich um. „Endlich sehe ich Euch leibhaftig. Den Herren der Reformation. Den, der mit seinen Schriften Europa mehr verändert hat, als alle Päpste und Kaiser.“ Der Erfinder der Buchdruckerkunst und Luther umarmten sich – nach all den Jahrhunderten der Wartezeit.
 
Allerdings war Gutenberg ob der etwas hageren Gestalt seines Gegenübers irritiert: „Verzeihen Sie, ich hätte gedacht – ich hätte Sie mir fülliger vorgestellt, nicht so ‘nen Derrabbel!“ Wahrlich präsentierte sich Luther nicht als „armer, stinkender Madensack“, sondern als schlanker Zeitvertreter im eher schlichten, nahezu advokatisch anmutenden Lutherrock.
 


Das Video


 

Gutenberg ließ allerdings keine Zweifel aufkommen, dass sein Buchdruck und die von ihm ebenfalls erfundene Druckerpresse die Luther’sche Reformation überhaupt erst ermöglichte. Jedoch räumte er ein, zu glauben, dass der Druck der Bibel nicht zur Reformation führte.
 
Gutenbergs Bescheidenheit hielt sich aber anscheinend in Grenzen, wie dieses Zitat belegt: „Ohne mich, mit meinem Know-how, wär’ Bill Gastes ‘ne arme Sau!“ Spätestens jetzt kam vielen Gästen irgendwie das Wort Fastnacht in den Sinn.
 
Gutenberg sparte jedoch nicht mit Lob. Er beneide Luthers Unbeugsamkeit, seine Wortgewaltigkeit, seine Musikalität und seinen Humor (?). „Was ich jedoch am meisten bewundere, dass Ihr es als Mönch gewagt habt, eine Nonne zu heiraten!“
 
Katharina von Bora trat in Erscheinung. Gutenberg, nach dem Begrüßungskuss: „Eine wohlgewachsene, starke Persönlichkeit. Jetzt kann ich sehr wohl verstehen, dass sich Bruder Martin von den Fesseln des Zölibats befreit hat.“
 
„Es war ihm eine Ehre“, befand Gutenberg in typischer „Gudi“ Gutenberg-Manier und beendete seinen Auftritt mit Luthers (fast eigenen) Worten: „Steh‘ frisch auf, tu’s Maul auf, hör‘ bald auf!“
 

Wegen "schlimmem Bub" nicht in Mainz

 

Martin Luther brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, erstmals in der "europäischen Hauptstadt des Karnevals" zu sein. Seinerzeit reiste er nicht nach Rheinhessen. Denn mit Albrecht von Brandenburg, Erzbischof und Kurfürst zu Mainz – nach dem Papst immerhin der zweithöchste kirchliche Würdenträger im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" – lag er im Clinch. Nach anfänglichen Sympathien für die Luther'schen Thesen avancierte der Kurienmann später zu einem seiner erbittersten Gegner. "Ein schlimmer Bub", konstatierte Luther. Voller Stolz berichtete er dafür über den Schmalkaldischen Bund, "eine Art protestantische Nato, geradezu ein G21-Gipfel". Dieses Verteidigungsbündnis protestantischer Fürsten und Städte agierte gegen die Religionspolitik Karl V., seines Zeichens katholischer Kaiser. Eine interessante und gelungene Wortreise Luthers über die Hintergründe dieser, seiner Zeit!


Es war ein nachhaltiger Eindruck, den dieses „Historic Dream Team“ an diesem Abend hinterließ. Diese Begegnung wird sich wohl nicht wiederholen. Aber wer weiß, in Mainz ist vieles Unmögliches möglich, was andernorts eben nicht möglich ist.

Hermann-Josef Berg, Vorstandsbeauftragter